Was verstehen Sie unter Digitalisierung?

Das Stichwort „Digitalisierung“ leitet eigentlich in die Irre und kann meines Erachtens nur in Ansätzen beschreiben, was auf uns zukommen wird. Denn ursprünglich denkt man beispielsweise daran, dass Handschrift in Maschinenschrift gewandelt wird und diese dann über eine Kodierungstabelle in Zahlen, also letztlich in Null und Eins kodiert wird. Oder analoge Musik statt auf LP nun auf CD erscheint. Das kennen wir nun alles schon ein paar Jährchen. Auch wenn die Oma vielleicht immer noch nicht begriffen haben mag, was da genau passiert, gelingt es ihr wohl, eine CD abzuspielen und die Musik zu genießen. Obwohl sie eigentlich nur ein fein gerastertes Abbild der Musik hört und sie die Lücken nicht bemerkt.

Die Enkelgeneration ist da schon weiter. Diese weiß, dass man digitale Daten verlustfrei kopieren kann und dass man mittels Taschencomputern, mit denen man auch telefonieren kann, Daten über das Netz schicken kann. Aber auch diese Nutzer verstehen oft nicht wirklich, was genau sie da tun und wie das tatsächlich funktioniert, wenn sie über Messenger oder Social Media Networks mit Freunden in Kontakt sind. Sie nennen das Kommunikation, wenn sie interpretationsbedürftige Daten austauschen, und verstehen doch zumeist nicht, wie diese Informationen in Großrechnern zu Bildern und Erkenntnissen gewandelt werden, die für andere hoch aufschlussreich und wertvoll sind. Denn das ist ein neuer Effekt, dass ich mir nicht bloß ein Musikstück übers Internet besorge oder einen Eintrag bei Facebook und Co. mache, sondern dass diese Informationen weiterverarbeitet werden und für die internetbasierten Unternehmen Gold wert sind.

Sie beschreiben die Digitalisierung als einen rasanten und radikalen technischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel. Welche Ängste und Befürchtungen gehen mit einem solchen Wandel einher?

In der Tat hat sich hier ein Quantensprung vollzogen, den viele noch nicht gänzlich verstanden haben. Es entsteht durch Netzwerkbeziehungen eine enorme Komplexität. Viele Menschen befällt heimliche bis offensichtliche Angst angesichts solcher Aussichten! Was ist, wenn in der Netzwerkökonomie irgendwann kein Mensch mehr sitzt, der den persönlichen Einzelfall – zur Not – händisch lösen kann, sondern nur noch eine Maschine, die kalt ihr Programm exekutiert? Werden wir Menschen irgendwann überflüssig? Füttern die Maschinen die Menschen – statt umgekehrt?

Wir hatten solche Szenarien schon einmal. In den 1980ern träumten wir von menschenleeren Fabriken, in den 90ern von künstlicher Intelligenz. Weniger als die Hälfte dieser Versprechungen konnten eingelöst werden. Stattdessen haben wir Gruppenarbeit in der Produktion umgesetzt, also auf den Faktor Mensch gesetzt. Denn Menschen sind flexibel, kreativ und motiviert. Das war sehr erfolgreich. Doch jetzt bekommen wir – mit neuer, leistungsfähigerer, intelligenterer Technologie – eine Neuauflage des alten Traums einer radikalen Technisierung und Automatisierung unserer Welt. Und wir laufen Gefahr, die alten Fehler einer Technik orientierten Arbeitsgestaltung zu wiederholen.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung, die Unternehmen bewältigen müssen, um einen digitalen Wandel zu vollziehen?

„Autos kaufen keine Autos“ hat Henry Ford einmal gesagt. Aber Menschen tun dies. Wer das aus dem Augen verliert, wird scheitern. Wer denkt, Social Media sei bloß ein zusätzlicher Kommunikationskanal zum Kunden, hat nicht verstanden, dass er in ein komplett anderes Spiel eingestiegen ist: Hier gibt es nicht nur einen Rückkanal. Man bewegt sich in einer öffentlichen Arena – der nächste Shitstorm ist lediglich ein paar Klicks entfernt. Nicht nur extern, sondern auch intern. Digitalisierung bedeutet eben nicht, noch die letzten verbliebenen Papierordner zu digitalisieren, sondern plötzlich Transparenz und Komplexität zu haben, die es vorher nicht gab. Kommunikation verwechseln technikverliebte Ingenieure immer noch gerne mit „Command and Control“. Das ist sozusagen einer der schlimmsten Irrtümer, denen man verfallen kann. Was nützt High-Tech, wenn Menschen diese kreativ austricksen? Letztens hat ein Paketzusteller die Sendung an mich im Depot als zugestellt eingescannt, ohne sie dort zuzustellen. Die Sendung war verschwunden. Ich sage Ihnen: Je engmaschiger das Netz, desto mehr Löcher hat es. Die Kontrollphantasien, die da bei manchen derzeit aufpoppen, das geht ja schon in Richtung Perpetuum Mobile, werden sich – wie schon ähnliche in der Vergangenheit – als Illusionen entpuppen. Wir werden – trotz Digitalisierung – weiterhin in einer Menschenwelt leben. Deshalb brauchen wir menschliche Kommunikations- und Kooperationskonzepte und werden erleben, dass wir mit dem alten „Command and Control“-Führungslatein im Unternehmen ans Ende kommen.

Klar, man kann auch Digitalisierung forcieren, um massiv Personal abzubauen. Dann sitzt man mit den – vielleicht doch nicht ganz so wie gedacht funktionierenden – Maschinen irgendwann alleine da. Unternehmen bekommen mit der Digitalisierung eine enorme Komplexität, Dynamik und Transparenz ins Haus. Um damit arbeiten zu können, brauchen sie Mitarbeiter, die Kompetenzen entwickelt haben, damit umzugehen. Sie brauchen deshalb auch einen partizipativen Führungsstil, der deutlich über das hinausgeht, was man bislang darunter verstanden hat, und eine dynamische, innovationsfreundliche Organisationskultur. All das fällt nicht vom Himmel. Daher werden es traditionelle, konservative Unternehmen mit steilen Hierarchien, bürokratischen Strukturen und starren Prozessen am aller schwierigsten haben. Vielleicht werden sie den Sprung auch nicht mehr schaffen und auf der Strecke bleiben.

Können Sie die von Ihnen angesprochene digitale Unternehmenskultur bitte konkretisieren und erläutern, von welchen Grundsätzen sich Unternehmen trennen müssen?

Es wird keine mittelfristige Steuerbarkeit mehr geben. Da wir in einer VUCA-Welt leben werden, einer Welt der Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität, teilweise erleben wir sie schon heute, werden die klassischen Instrumente wie Fünfjahrespläne und Zielvereinbarungen nicht mehr funktionieren. Wir müssen auf Sicht fahren. Das überfordert die Unternehmensspitze. Daher müssen alle Mitarbeiter ihre Sensoren am Markt haben und ihre Informationen müssen relevant werden. Diese Mitarbeiter müssen dann anders geführt werden. Die klassischen Prinzipien wie Hierarchie, Wissensvorsprung und Macht werden obsolet. Im Gegenteil, Unternehmen, die weiter darauf bauen, werden zuerst den Kürzeren ziehen. Druck auf die Mitarbeiter, ob physisch, psychisch oder finanziell, wird sich ins Gegenteil kehren. Die Entwicklung einer partizipativen und innovationsfreundlichen Unternehmenskultur bekommt höchste Priorität, will ich die guten Leute nicht verlieren. Es ist höchste Zeit, eine solche Enabler-Kultur zu pflegen. Bei ihr handelt es sich um das wahre Betriebssystem der Organisation. Kundenorientierung ohne Mitarbeiterorientierung funktioniert nicht.

Wie beginnt man am besten den digitalen Wandel des eigenen Unternehmens?

Peter Kruse sagte es im Jahr 2010 schon hellsichtig: Wir bekommen einen starken Kunden, einen starken Mitarbeiter und einen starken Bürger. Deshalb müsste am Anfang Strategieentwicklung stehen. Nicht die oben im kleinen Führungszirkel ausgebrütete und dann top-down verordnete, sondern eine, die die Mitarbeiter gleich mit einbezieht. Die Mitarbeiter werden sich aber nur voll einbringen, wenn sie darauf vertrauen können, dass die Unternehmensspitze es ehrlich meint mit dem Change. Wir brauchen einen New Deal. Und ich befürchte, die Bereitschaft, diesen zu verhandeln und zu gestalten, ist in der Breite noch nicht vorhanden. Daher wird es vermutlich nicht konfliktfrei verlaufen, wie man ja teilweise auch schon beobachten kann.

Jetzt höre ich schon wieder etliche Manager sagen: Digitalisierung, dafür habe ich keine Zeit – und auch keine Leute. Diese Leute sind jetzt schon tot, sie haben es nur noch nicht begriffen. Sie sollten einmal 100 Jahre zurückblicken. Kaiser Wilhelm über die Zukunft der Mobilität befragt, äußerte: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Insofern: Willkommen in der neuen digitalen Welt! Das Analoge wird niemals verschwinden, es verändert aber seine Funktion.